KAPITEL 5

Erinnerungen an die Zukunft- oder: Wer zu früh kommt

Der talentierte Mr. Byers
Skid Byers

Nach Skid Byers Weggang war die Band nicht mehr die gleiche. Das lag nicht zuletzt daran, dass Byers eine so dominierende Rolle in der Band gehabt hatte. Sein Abschied erzeugte eine Art Vakuum und die Band schien wie gelähmt. Eine zeitlang verschwand sie daraufhin von der Bildfläche. Die Band brauchte dringend eine schöpf- erische Pause, um sich neu aufzustellen und neu zu orientieren. Dann gingen sie daran, ein neues Album in Angriff zu nehmen.

Marquee Moon- musikalische Stimmung wie Szenen aus „Max Headroom“ oder „Bladerunner“
Marquee Moon, Sommer 1989

Der dritte Mann- oder: Ein Mann verschwindet

Die musikalische Führung der Band ging nun, zumindest zeitweise, von Hanzy Nischwitz aus. Viele seiner Vorstellungen bezüglich der neuen Richtung, vom „Metropo­len-Rock“, wie er es nannte, sollten auf der kommenden LP Future Patrol umgesetzt werden. Hanzy Nischwitz, der neben Degray der Band bis zu diesem Zeitpunkt am treuesten verbunden war, war auch derjenige, der persönlich in der Vergangenheit am meisten für die Band riskiert hatte. Nischwitz war Schwer- arbeiter und hatte in einer Maschinenfabrik regelmäßig Nachtschicht.

Mister Cool: Hanzy Nischwitz
Hanzy Nischwitz

Deshalb musste er des Öfteren, mit Unterstützung seiner Arbeitskollegen, heimlich, während der Arbeitszeit, durch ein Seitenfenster aus dem Werk verschwinden, um bei Auftritten der Band dabei sein zu können. Eine Ecke weiter wartete Skid Byers im Auto, um ihn in Empfang zu nehmen und zum jeweiligen Veranstaltungsort zu fahren, wo die anderen schon sehnlichst auf ihn warteten. Und nach den Auftritten fuhr ihn Byers wieder eilends zurück. Dann trat Hanzy Nischwitz den Weg in umgekehrter Richtung an, um bis zum nächsten Morgen weiter zu arbeiteten. Später musste Nischwitz diesen Job dann aufgeben, weil er mit den Anforderungen der Band einfach nicht mehr in Einklang zu bringen war.


Und er gab diesen Job gerne auf, denn der ständige Stress zehrte an den Nerven aller Beteiligten. Und auch das Risiko wurde für ihn fortgesetzt größer, da manche Kollegen seine immer zahlreicher werdenden Abwesenheitszeiten nicht mehr tolerieren wollten.

Hanzy lebt den Rock 'n' Roll
Hanzy macht mal Pause

Das Erscheinen des Prolo-Sympathico

Und auch an anderer Stelle riskierte der "Prolo-Sympathico", wie ihn die Musik Szene einstmals titulierte, so manches Mal mehr als die anderen Bandmitglieder. (61) Und zwar immer dann, wenn es darum ging, brenzlige Situationen mit handfesten Argumenten zu klären. Nischwitz Hände und Fäuste waren aus Stahl. Schon sein normaler Händedruck hinterließ ein bleibendes Gefühl. Wer aber einmal seine Faust gespürt hatte, vergaß sie nie wieder. Deshalb waren viele riskante Situationen schon nach einem kurzen Austausch seiner „Argumente“ geklärt. Es dauerte nicht lange und sein „Diskussionsstil“ hatte sich in der Szene herumgesprochen. Deshalb reichte bereits sein alleiniges Auftauchen, um viele Situationen schlagartig zu befrieden. Eine zeitlang war sogar an einigen Wänden Berliner Clubs der ehrfurchts- volle Spruch: - Kein Witz – NischWitz - zu lesen.


Nicht wenige Kenner und Beobachter der Szene waren infolgedessen immer wieder erstaunt, wie leichtfüßig ansonsten seine Finger über die Gitarrensaiten tanzten und was diese Stahlhand seiner Gitarre für unglaubliche Töne zu entlocken im Stande war. Er galt anderen als begnadeter Gitarrenspieler mit brillanten Ideen. Er selbst aber war viel bescheidener und stelle sein Licht eher unter den Scheffel, als sich anderen gegenüber hervorzutun. Deshalb lehnte er die meisten Angebote ab, bei Studioaufnahmen anderer Bands die Gitarre einzuspielen oder aber den Solopart zu übernehmen.

Riffdoctor Hanzy Nischwitz
Gitarrist Hanzy Nischwitz

Er war nicht nur bescheiden, er war auch absolut zuverlässig und ehrlich. Auf sein Wort und seine Zusagen konnte man sich hundertprozentig verlassen. Er war stets gutgelaunt und konnte hervorragend Witze erzählen. Deshalb war er, so wie Degray und Byers, auch auf den verschiedensten Veranstaltungen ein gern- gesehener Gast.


Im Gegensatz zu den anderen beiden ließ Nischwitz aber schon mal die eine oder andere Lustbarkeit aus. Er hatte es einfach nicht nötig, sich überall zu zeigen. Das steigerte bei vielen Gastgebern natürlich seinen Wert, die es gerne gesehen hätten, ihn auf der Gästeliste zu haben, um sich mit ihm zu schmücken. Denn Nischwitz galt trotz seiner freundlichen und natürlichen Art als ziemlich cooler Typ.

Hanzy Nischwitz der „Prolo-Sympathico“
Hanzy Nischwitz

Und das war er auch. So konnte er scheinbar die Gedanken anderer Leute lesen oder zumindest ihre Gefühlslage genau beschreiben. Und noch bevor sie es ausgesprochen hatten, konnte er ihnen sagen was sie gedacht hatten, oder wie es ihnen ging. Das war geradezu unheimlich. Viele waren deshalb von ihm fasziniert und versuchten, ihn auszufragen und ihm sein Geheimnis zu entlocken. Aber Nischwitz wusste selber nicht, wie das genau funktionierte und konnte es nicht erklären. Und er ging damit auch nicht hausieren. Es war ihm eher unangenehm, darauf angesprochen zu werden. Auch andere seiner Stärken ließ er nicht raushängen. So war er z.B. ein exzellenter Kenner der deutschen und internationalen Musikszene der 50er, 60er, und 70er Jahre. Kaum jemand konnte da mithalten. Selbst Skid Byers, der in dieser Hinsicht ebenfalls als absoluter Crack galt, musste sich das eine oder andere Mal neidlos geschlagen geben und zog vor ihm den Hut. Nischwitz kannte nicht nur alle Bands und deren Mitglieder, er kannte auch die entsprechenden musikhistorischen Zusammenhänge.

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Brillanter Gitarrist: Hanzy Nischwitz
Hanzy Nischwitz während eines Videodrehs

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Seine Lieblingsbands waren amerikanische Girlgroups. Besonders die Supremes hatten es ihm angetan. Zu dieser Band hatte er schon frühzeitig ein geradezu erotisches Verhältnis. Ein Song dieser Band reichte völlig aus und Hanzy war hin und weg. Er war weg im wahrsten Sinne des Wortes. Er war plötzlich einfach verschwunden. Und niemand wusste wohin, außer seiner Freundin Patty. Was genau in ihm vorging, wenn er diese Art Musik hörte, wussten nur Skid Byers, Nigel Degray und Hanzys Freundin.


Und dieses Geheimnis ist bis heute nicht gelüftet. Hanzy Nischwitz war neben Degray und Byers der dritte Mann in der Bandhierarchie. Er hatte mit den anderen beiden bereits vor Marquee Moon in einer Band gespielt und zusammen mit ihnen die Gründung von Marquee Moon beschlossen. Deshalb hatte er jetzt, nachdem Byers weg war, auch einen so wesentlichen Einfluss innerhalb der Band. Und er entwickelte federführend zusammen mit Degray ein neues Konzept für Marquee Moon. Das veränderte Konzept erforderte, sich radikal vom bisherigen Stil zu trennen und völlig neu auszurichten.

Ich weiß was Du denkst
Hanzy Nischwitz, 1989
Fernsehaufnahmen zu "Flying Robert"
Marquee Moon bei Fernsehaufnahmen
Mit ihrer LP "Future Patrol" nahmen sie die Verschmelzung von Gothic mit Industrial- und Metalelementen vorweg
LP: Future Patrol, 1989

Future Patrol- oder: Die Suche nach dem dritten Weg

Am deutlichsten wurde dieses neue musikalische Programm bei der Veröffentlichung ihres dritten Albums Future Patrol im Herbst 1989. An der Vorbereitung dieser Platte war Skid Byers vor seinem Weggang noch aktiv beteiligt. Zu der Original-Fassung des Titelsongs Future Patrol hatte er als Kameramann und Regisseur schon rechtzeitig ein ungewöhnliches, beeindruckendes Musik- video gedreht. Davon waren nicht nur Nigel Degray, Hanzy Nischwitz und Marc Barlow total begeistert. Auch der Fan-Club der Band, der ein Jahr zuvor von Dortmunder Fans gegründet wurde, war total aus dem Häuschen. Degray hatte sich mal wieder selbst übertroffen. Er hatte einen echten Hammer-Hit gelandet.

Marquee Moon verbanden Trash, Metal und Punk zu einer geradlinigen, schnörkellosen Symbiose
Nigel Degray, Hanzy Nischwitz

Doch diese erstklassige Original-Version sollte nie erscheinen. Beim Vergleich dieser ursprünglich geplanten Single-Fassung des Songs Future Patrol mit der LP- Version wird der Bruch mit der Ver- gangenheit besonders deutlich. Wer die alte, die Original-Fassung kannte, wird die auf der LP veröffentlichte neue Version nicht mehr als denselben Song erkennen. Es handelt sich um zwei ver- schiedene Songs. Das war eine wirklich radikale Änderung. Beide Fassungen haben, außer Skid Byers Text, nichts mehr gemeinsam. Auch Titel wie Dancing At Twilight, Masquerade oder Restless gab es nun in zwei total unterschiedlichen Versionen. Dancing At Twilight wurde zwar zu Promotions-Zwecken als sog. Promo-Single ausgekoppelt, konnte aber der Originalversion nicht das Wasser reichen. Viele Fans, die die Songs bereits von Live-Auftritten kannten, fanden sie auf dieser neuen LP gänzlich verändert wieder. Degray und Nischwitz hatten sie ihrem neuen Konzept angepasst und vollständig umkomponiert.

War nicht im Handel erhältlich - Nur für Promo-Zwecke
Single: Dancing At Twilight

Die Mitglieder des Marquee Moon-Fanclubs, die die Songs bereits vorab als Demo-Tapes bekommen hatten und somit noch in der Original-Fassung kannten, waren fassungslos. Aufgeregt telefonierten sie mit Byers, der freilich zu diesem Zeitpunkt daran nichts mehr ändern konnte. Einige der alten Songfassungen tauchten später auf Tonbandkassetten wieder auf, deren Aufnahmen in überwiegend schlechter Qualität bei früheren Konzerten mitgeschnitten worden waren. Trotzdem konnte man selbst daran die Unterschiede zu den neuen Versionen sehr deutlich hören.

Sehr nett- aber nicht harmlos
Drummer Marc Barlow

Die verpasste Revolution

Die veränderten alten und auch die neuen Songs der LP wirkten nun zwar wie aus einem Guss, klangen dafür jedoch alle ziemlich ähnlich. Die Reaktionen auf diese LP beziehungsweise auf die selbst verordnete Abkehr der Band von ihrem bisherigen Weg waren demzufolge gespalten. Viele nahmen ihnen den Wandel sogar übel, wie Degray in einem Interview Jahre später bekannte.(63) Marquee Moon stellten sich nun in einem völlig neuen Stil dar und brachen mit allem Vorhergegangenen. Waren die Kritiken zu den beiden Vorgänger-Platten noch begeistert bis euphorisch gewesen, machten sich nun Skepsis und teilweise Enttäuschung breit.


Der Tip schrieb über die neue Platte zum Beispiel folgendes: Future Patrolsät ernste Zweifel, denn es muß etwas schief gelau­fen sein bei der zum Trio ge­schrumpften Formation. Die neuen, von der Band geschriebenen Songs stellen Marquee Moon als zwar handwerklich kompetente Heavy Beton-Rocker vor, die „Metropo­len-Rock" anstreben, denen es aber leider an überzeugenden Melodien und stilübergreifenden Differenzierungen mangelt." (64)

Wir wollen nur spielen!
Marquee Moon 1989 - Marc, Nigel, Hanzy
Future Patrol, die pfiffige Cover-Rückseite
Rückseite der LP Future Patrol

Die Musikzeitschrift Limited Edition schrieb dazu anlässlich eines Live-Auftrittes zur Vorbereitung der neuen LP: „Nach längerer Abwesenheit sind die einstigen Lieblinge schwarzgekleideter Mädels wieder da. Nach einer schöpferischen Pause und diversen Umbesetzungen hat man sich musikalisch neu orientiert, das alte Image abgelegt und aus dem Sumpf aller möglichen Indie-Pop-Strömungen zu einem eher popfeindlichen Stil gefunden. Dabei verzichtete man wohl bewußt auf gefällige Melodiebögen und erzeugte eine Atmosphäre, die konsequent zu Szenerien wie "Max Headroom" oder "Bladerunner" passen könnte. Nicht ganz überzeugt das Konzept bei Songs, die zu lang geraten waren, hier führte der spärliche Aufbau zu Abnutzungserscheinungen.“ (65) 


Weiter wird der Band allerdings bescheinigt, dass sie sich dessen ungeachtet auch mit ihrem veränderten Konzept eine neue Fangemeinde erspielen könne, da die neuen musikalischen Ideen ausbaufähig seien. Insgesamt waren die Kritiken zu dieser LP eher verhalten. Allerdings musste man der Band zugestehen, auch mit ihrer dritten LP wieder einmal etwas völlig eigenes geschaffen zu haben. Ob es einem nun gefiel oder nicht.

Nigel Degray: So viel Potential, so viel Talent
Nigel Degray 1989

Vielleicht hätten sie mit diesem Album sogar die Welt der Rockmusik revolutioniert. Dieser Gedanke ist nicht soweit hergeholt, wie es auf den ersten Blick scheinen mag, denn mehr als zehn Jahre später wird in Rezensionen des Albums im Internet zu lesen sein, dass Marquee Moon mit ihrer LP Future Patrol bereits die Verschmelzung von Gothic mit Industrial- und Metalelementen vorweggenommen hatten, für die andere Bands später als innovativ gerühmt wurden und die damit gigantische Umsatzzahlen erreichten.(66) (67)

Hanzy
Hanzy
Nigel
Nigel

Marquee Moon konnten das jedoch nicht für sich nutzen. Um dies zum Erfolg werden zu lassen, fehlte es ihnen an Umsetzungskraft und tatkräftig- er Unterstützung. Auch in ihrem Umfeld zeigte sich niemand in der Lage, dieses Potential in die entsprechende Wirkung umzusetzen. Spätestens jetzt wurde allen klar, was das Fehlen von Skid Byers als treibender Kraft für die Band bedeutete.


Beobachtern erschien die Band in dieser Zeit wie paralysiert, so als hätte sie ihren Optimismus und ihren inneren Antrieb einbüßt. Ein Teil ihrer früheren Zuversicht in den Erfolg der Band schien verloren. Zwar spielten sie noch im Vorprogramm von Red Lorry Yellow Lorry sowie eine Clubtour als Promotion zu ihrer neuen LP, aber gut zehn Monate später, im Sommer 1990, war die Band am Ende und löste sich auf.


Der frühe Vogel- oder:   … das ist hier die Frage

Wir alle kennen den Jahrhundertspruch „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“. Was aber, wenn man zu früh dran ist? Darf man sich dann trotzdem der Anerkennung künftiger Generationen sicher sein? Im Falle Marquee Moons wäre es längst an der Zeit und nicht nur überaus wünschens- wert sondern auch überaus angebracht.